Die Evolution des Ausstellungsraums: Reflexionen über Handshake von Aaron Amar Bhamra & Luz Broto
von Leon Keller

Di. 02. April 00:19

Mich erreicht die Einladung per E-Mail, eine Kritik über die Ausstellung Handshake von Aaron Amar Bhamra & Luz Broto im Kevin Space zu schreiben. Die Absenderin, Leonie, habe ich das erste Mal im Herbst 2023 in der basis wien getroffen. Wir sprachen über Online-Formate. Ich erzählte von meinem Blog (August 2023 – Januar 2024), in dem ich Ausstellungsreviews mit einer narrativen Struktur verflochten habe. Durch die Sammlung von Beiträgen auf einem Blog und die allmähliche Entwicklung einer Erzählung und Reflexion im Laufe der Zeit entsteht ein fortlaufendes Narrativ aus gesammelten Fragmenten. Mein Beitrag für die vierte Ausgabe dis/claim referenziert das Blogformat.




Mi. 24. April 18:02
       Ich scrolle durch Instagram und betrachte Fotos, Reels und Stories. Auf der Instagram-Seite von Kevin Space sehe ich mir die Dokumentation der puristischen Ausstellung an: Ein Stuhlkreis, ein Papierobjekt, Wassergläser. Ich wische hin und her, zoome mit zwei Fingern heran und zurück. Im digitalen Raum ist die Ausstellung das, was die Dokumentation eröffnet. Durch Likes ist sie einer speziellen digitalen Hierarchie unterworfen. Ein vermeintlich sozialer Raum, in dem es um Bewertung und Sichtbarkeit geht. Im Hintergrund zieht der böse Algorithmus seine Fäden. Öffentlichkeit, wenn es sie denn noch geben mag, spielt sich hauptsächlich online ab.



Fr. 26. April 15:24
       Ich schließe mein Fahrrad neben dem Kevin Space an. Ich drücke den Türgriff und öffne die Tür. Von außen ist bereits zu erkennen, dass der Raum größtenteils leer ist. Beim Eintreten überkommt mich zuallererst das Gefühl, dass ich zu spät bin, dass ein Treffen stattgefunden hat und alle bereits Feierabend gemacht haben, um die letzten Sonnenstrahlen am Freitagnachmittag zu genießen.

       Ich konnte bereits den Stuhlkreis und die Wassergläser auf Instagram sehen. Neu für mich waren die Zettel mit markierten Textzeilen. Sie lassen mich vermuten, dass eine Probe, Lesegruppe oder Ähnliches stattgefunden hat. Im zweiten Raum liegt weißes Verpackungsmaterial auf dem Boden, das Papierobjekt von Instagram. Die Silhouette erinnert mich an eine Blume aus der Vogelperspektive. Das Objekt wirkt auf mich klar erkennbar als Kunst. Warum auch immer. Es ist platziert, inszeniert und kuratiert. Die anderen Objekte wie Stühle, Wassergläser, Textseiten scheinen zufällig abgestellt. Auf dem Fenstersims steht ein Wasserglas und ein Zettel, dieser ist jedoch fein säuberlich abgelegt. Das wiederum ist durchaus ein Hinweis darauf, dass die anderen Objekte vielleicht doch nicht zufällig abgestellt oder vergessen wurden, sondern auch kuratierte Exponate im Ausstellungsraum darstellen.

       Nachdem ich einen ersten Eindruck gewinnen konnte, griff ich nach dem Ausstellungstext und setzte mich auf einen der Stühle. In diesem Moment, als ich mich hinsetzte und den Text in der Hand hielt, erinnerte ich mich an das erste Treffen mit Aaron. An einem Samstagnachmittag wartete ich auf S. vor dem Kevin Space. S. stellte mir Aaron vor, mit dem er zusammen an der Angewandten studiert hat. Ich sprach mit Aaron über Ausstellungstexte, deren Wichtigkeit und darüber, mögliche Ausstellungen mit verschiedenen Texten zu bespielen.
 
     Der Ausstellungstext für die Ausstellung Handshake beginnt wie ein klassischer Ausstellungstext. Es wird auf den Titel eingegangen, es werden die beiden Künstler:innen angeführt. Im weiteren Verlauf entwickelt sich der Text zu einer Aufforderung an die Leser:innen. Durch die Inszenierung des Stuhlkreises, der eine Chorprobe darstellen soll, wird durch den leeren Ausstellungsraum das Konzept der Anwesenheit/Abwesenheit illustriert, um auf die Funktion von Räumen aufmerksam zu machen und diese zu hinterfragen: Was sind (öffentliche) Räume und welche Benutzung wird Räumen zugeschrieben? Der Ausstellungsraum, der einer speziellen Nutzung unterliegt, nämlich der Inszenierung und Präsentation verschiedener Objekte, wird verändert, indem die Besucher:innen von Handshake dazu aufgefordert werden, den Raum für ihre Zwecke zu nutzen. Dies ist rund um die Uhr mit einem Code möglich, der auf Nachfrage zu erhalten ist, wodurch sich der Zugang maßgeblich verändert.

       Die Aufforderung im Ausstellungstext an die Besucher:innen, das Gespräch mit der Person zu suchen, welche den Raum betreut, um mögliche Fragen zu klären, nutze ich und frage eine Person vom Kevin Space, welche Rolle der performative Beitrag von Luz Broto für die Ausstellung spielt. Die Künstlerin Lutz Broto arbeitet ortsspezifisch und untersucht Räume. Sie hinterfragt etablierte Normen, um subtile, aber tiefgreifende Veränderungen zu bewirken. Dabei betrachtet sie architektonische Feinheiten, städtische Umgebungen, Infra- und Organisationsstrukturen, Vorschriften und soziale Beziehungen, um durch minimale Eingriffe eine Transformation zu ermöglichen. Am Eröffnungsabend stellte Broto jene im Text zitierten Fragen und forderte die Besucher:innen zum Gespräch auf. Ein Kunstwerk, welches nicht physisch anwesend ist, sondern eine unkommerzielle Grundhaltung transportiert und die Frage nach Nutzung, Teilhabe, Repräsentation und Partizipation stellt.


       Jacques Rancière definiert den Austausch in einer Gruppe als Unvernehmen, womit das Sprechen und (An)-hören von verschiedenen Subjekten gemeint ist. Rancière stellt damit weniger die Frage nach Unterschiedlichkeiten und einer Argumentation, sondern meint viel mehr das Argumentierbare.[1]

       Durch die räumlichen Eingriffe von Broto, wie beispielsweise das Abmontieren von zwei Türgriffen im Kevin Space, wird eine minimale Veränderung des Raumes erwirkt. Des Weiteren eine symbolische, denn: Eine Tür ohne Türgriff und Schloss lässt sich nicht abschließen.

       Ich unterhalte mich weiter mit der Person vom Kevin Space, wodurch ich folgende Eindrücke gewinnen kann. Unser Gespräch ist im Sinne des Konzepts der beiden Künstler:innen zwangsläufig Teil der Ausstellung. Der Ausstellungstext ist nicht nur Teil der Ausstellung, sondern die Ausstellung dreht sich maßgeblich um diesen Text. Er ist Ausgangspunkt und Handlungsanweisung, ohne diesen Text wären die weiteren Ebenen der Ausstellung nicht erfahrbar. Somit werden die Personen vom Kevin Space, welche diesen Text geschrieben haben, nicht nur Schreibende, sondern durchaus Ausstellende. Die Hinterlassenschaften der Besucher:innen werden dokumentiert und im Hinterzimmer unter der Bar gelagert. Ich schaue mir die einzelnen Objekte an: ein Shampoo, Zeichnungen, ein Take-Away-Kaffeebecher und weiteres.

       Die Fragen: „Wer hat wirklich einen Nutzen von dieser Art von Räumen? Und wer sind alle, für die er offen ist?“, wie sie im Ausstellungstext formuliert sind, beschäftigen mich. Ausstellungsräume wie der Kevin Space spielen innerhalb einer oftmals geschlossenen Szene, wie einer (jungen) Kunstszene, eine entscheidende Rolle. Sie können ein Ort für Experimente, Erfahrungen und Repräsentation sein. Alle sind in diesem Fall, alle aus einer Kunstszene (?). Die Ausstellung Handshake hinterfragt diese Gegebenheiten und ist ein Angebot für eine andere unkommerzielle Nutzung und Erfahrung innerhalb von vorgefertigten Räumen wie Ausstellungsräumen.

       Handshake, eine Ausstellung, die bewusst die gängigen Erwartungen an Ausstellungen herausfordert, zielt darauf ab, einen alternativen, nicht-kommerziellen Raum innerhalb der konventionellen Ausstellungsräume zu schaffen. Trotz dieser ambitionierten Zielsetzung bleibt die Frage bestehen, inwieweit die Ausstellung tatsächlich ein breiteres Publikum anspricht oder ob sie hauptsächlich von Personen aus der Kunstszene frequentiert wird. Obwohl sie mit klassischen Präsentationsformaten bricht, wird die Ausstellung wahrscheinlich hauptsächlich von einem kunstaffinen Publikum besucht. Die zugrunde liegende Frage, ob eine Ausstellung wirklich in der Lage ist, unterschiedliche Menschen anzusprechen, die dann den Raum in ihrem Sinne nutzen, bleibt bestehen.


       Ich erinnere mich an eine frühe Arbeit aus den 1990er Jahren von Jutta Koether. Die Arbeit trägt den Titel The Inside Job. Koether nutzt eine Malerei mit dem Titel The One als Ausgangspunkt, die ähnlich wie das Papierobjekt im Kevin Space, auf dem Boden des Apartments von Koether liegt. Sie lädt ausgewählte Personen ein, mit ihr gemeinsam über die ausgestellte Malerei zu sprechen und in einem Art Gästebuch in einem weiteren kleinen Raum Texte zu verfassen. The Inside Job ist eine kollaborative Erfahrung, die die Betrachter:innen dazu einlädt, sich aktiv an der Interpretation und Diskussion der Kunst zu beteiligen. Indem sie verschiedene Personen einbezieht, erweitert Koether die Perspektive auf ihr eigenes Werk und platziert die Malerei in einen diskursiven Kontext, der auf Interpretation und Austausch beruht. Koether nutzt hierbei ein Bild nicht nur als Objekt der Betrachtung, sondern als neuen sozialen Raum für einen vielschichtigen Austausch, der die Grenzen zwischen Künstler:in, Werk und Betrachter:in verwischt.

       Die Situationisten (SI) führten verschiedene politische Aktionen in 1950er und 1960er Jahren in Paris durch, darunter Stadtspaziergänge, die als Dérives bekannt wurden. Bei diesen Spaziergängen durchstreiften die Mitglieder der SI die Stadt, um neue Räume zu entdecken und die soziale und politische Landschaft zu erkunden. Durch das Flanieren im öffentlichen Raum wollten sie die gängigen Vorstellungen von Raum, Eigentum und sozialer Kontrolle in Frage stellen und die Menschen dazu ermutigen, ihre Umgebung aktiv zu gestalten und zu verändern. Sie forderten eine radikale Umgestaltung der Stadt nach den Bedürfnissen und Wünschen der Menschen.[2]

       Des Weiteren erinnert mich die Ausstellung von Aaron Amar Bhamra & Luz Broto an die Pavillon-Arbeiten von Dan Graham. Die verspiegelten Objekte im öffentlichen Raum stellen ähnliche Fragen der Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit sowie welche Nutzung Kunstwerken im (öffentlichen) Raum zugesprochen wird. Grahams Pavillons dienen als Reflexionsflächen, die die Umgebung und die Betrachter:innen gleichzeitig reflektieren. Sie eröffnen einen Dialog zwischen dem Innen- und Außenraum und thematisieren die Beziehung zwischen dem Individuum und dem öffentlichen Raum, und wie dieser Raum wahrgenommen, genutzt und erlebt wird. Ähnlich wie die Ausstellung im Kevin Space zielen Grahams Pavillons darauf ab, die Grenzen zwischen Kunst, Architektur und sozialem Raum zu verwischen.[3]


       In der Ausstellung Handshake spielt darüber hinaus Vertrauen eine entscheidende Rolle: Was passiert, wenn wir den Leuten den Raum überlassen? Es stellt sich mir die Frage, welche Grenzen in Bezug auf die Ausstellung festgelegt wurden oder ob alles erlaubt ist. Ist Vandalismus ein Vertrauensbruch oder Teil des Konzepts? Was bedeutet Vertrauen, wenn der Raum bewusst zur freien Nutzung bereitgestellt wird? Vertrauen sollte womöglich als Unvernehmen (neu) formuliert werden. Das bedeutet, dass die freie Benutzung des Raumes ein (An)-Sprechen und (Zu)-Hören seitens der Besucher:innen (als Signifikanten) und Organisator:innen (als Signifikatoren) impliziert, bei dem alle freien Nutzungsarten, die argumentierbar bleiben, Platz finden sollten.

Di. 30. April 12:57
       Ich befinde mich in meiner Wohnung, im privaten Raum und reflektiere über (öffentliche) Räume. Verschiedene Bücher sind um mich herum angeordnet und bilden einen Halbkreis. Sie warten darauf, benutzt zu werden. Sie können Instrumente sein. Sie sind Material. In meinem Wohn- und Arbeitszimmer eröffnen sie ihren eigenen Raum. Ein Raum im Raum im Raum und so weiter. Die Begrenzung der Seiten ist die Begrenzung der Buchstaben, des Inhalts. Der Interpretationsraum scheint unendlich zu sein, ist jedoch wiederum vom sozialen Kontext abhängig, in dem ich mich bewege. Mein assoziativer Schreibprozess ist ein Flur mit vielen Türen. Die Türen sind Bücher, und je nachdem, welche Tür geöffnet wird, ergeben sich neue Denkräume. Ich organisiere Notizen und beginne den Text über die Ausstellung zu schreiben. Das Gespräch im Kevin Space immer noch im Ohr, notiere ich: Eine Ausstellung, die über die Sprache, das Gespräch, die Teilhabe, über die Weitergabe von Informationen und das Sammeln von Impressionen, Objekten, Worten und Vertrauen funktioniert, ist eine Fortführung und Erzählung einer Tragetasche.[4]



[1] Exemplarisch Jacques Rancière: Das Unvernehmen. Suhrkamp: Frankfurt am Main 2022, S.11.
[2] Exemplarisch Guy Debord: Théorie de la dérive, La Revue des Ressources, 20.02.2017.
[3] Exemplarisch Sylvia Lavin: Vanishing Point: The Contemporary Pavilion, Artforum Oktober 2012, Vol. 51, No. 2.
[4] Ursula Le Guin: The Carrier Bag Theory of Fiction, 1986.